Marktkommentar,  September / Oktober 2026

Marktkommentar, 
September / Oktober 2026

Die Schwellenländer verändern sich strukturell

Die Schwellenländer verändern sich strukturell

Die Schwellenländer können anders als in früheren Jahrzehnten nicht mehr simpel als rasch wachsende aufstrebende Länder mit einer jüngeren Bevölkerung und vielen Gemeinsamkeiten angesehen werden, sondern sind durch strukturelle Veränderungen heterogener geworden. Deutlichere Differenzierungen sind wichtig und bieten klare Chancen beim Investieren. Allerdings gibt es durch die strukturellen Veränderungen auch Risiken, welche andere sind als die von früher bekannte Auslandverschuldung oder hohe Leistungsbilanzdefizite. Eine weit höhere Branchenkonzentration im Bereich der Technologie durch die beschleunigte Nachfrage nach Lieferkomponenten für die künstliche Intelligenz, speziell bei Halbleitern, führt zu einer ähnlich hohen IT-Konzentration beim MSCI-Aktienindex der Schwellenländer wie im US-Aktienmarkt. Dies betrifft Asien, während Lateinamerika als Schwergewicht bei Rohstoffen gelten kann und Indien mehr vom inländischen Konsum abhängig ist. 

Der Begriff «Schwellenländer» stammt aus den 1980er-Jahren und wollte die im Wachstum aufstrebenden Länder im Gegensatz zu den etablierten Industrieländern charakterisieren. Die typischen und für lange Zeit recht homogenen Merkmale von Schwellenländern waren eine steigende Industrialisierung, eine jüngere Bevölkerung, eine zunehmende Urbanisierung und besonders typisch ein schnelleres oder stärkeres Wirtschafts- und Gewinnwachstum als in den etablierten Industrieländern. Es ist jedoch an der Zeit, sich Gedanken zu machen über die Veränderungen, die sich strukturell in den Schwellenländern abspielen, was dazu führen sollte, dass man die Differenzierungen innerhalb der Schwellenländer sieht und erkennt, dass sie weniger homogen sind als früher und dass es daher schwieriger sein kann, Schwellenländer als simple Diversifikation zu anderen Aktien- oder Anleihenmärkten zu benutzen – insbesondere wegen der veränderten Branchen- und Ländergewichtung.

Fundamentale Faktoren haben sich seit den 1980er- und 1990er-Jahren ebenfalls verändert. Während die Schwellenländer damals meist noch recht hoch verschuldet waren, so haben sich nun viele in dieser Beziehung stark verbessert und sind weniger fiskalisch anfällig als früher. Insbesondere die Verschuldung gegenüber Industrieländern ist klar gesunken und auch die generelle Abhängigkeit von der Finanzierung in amerikanischen Dollar. Zudem haben sich die Leistungsbilanzdefizite verkleinert oder wurden sogar eliminiert, eine fundamentale Verbesserung, welche speziell in Nordasien zu beobachten ist. Eine weitere fundamentale Veränderung betrifft die Verbesserung bzw. Erhöhung der Währungsreserven der Schwellenländer, während sich in den 1990ern häufig Währungskrisen ereigneten.

Dies steht auch in Zusammenhang mit Verbesserungen bei der Inflationsentwicklung. Die Zentralbanken der Schwellenländer begannen nach der Corona-Lieferproblematik rascher mit Leitzinserhöhungen als die Industrieländer. Daher konnten die Schwellenländer-Zentralbanken auch die Inflation reduzieren und haben derzeit weiteren Raum für Zinssenkungen, so in Lateinamerika. 
 

Im MSCI-Schwellenländerindex hat Technologie nun eine Gewichtung wie im S&P 500 von rund 40 %.

Gérard Piasko, Chefökonom

In Asien sehen wir dafür eine positive Veränderung hin zu mehr Gewinnwachstum, da sich Nordasien zu einem global wichtigen Zentrum des Ecosystems der künstlichen Intelligenz entwickelt. Speziell bei Halbleitern (Taiwan, Südkorea) oder Hyperscaler-Firmen mit Sprachmodellen und Software (wie bei der Lancierung von DeepSeek in China gesehen) sind die Schwellenländer inzwischen essenziell.

Nicht vergessen werden darf hier die Tatsache, dass China sowohl bei den für Technologie und Elektronik bedeutsamen seltenen Erden als auch bei Robotik, Sensoren und der Batterieherstellung weltweit führend ist. Lateinamerika kann dafür mit enormen Ressourcen bei den auch für das Ecosystem der künstlichen Intelligenz gefragten Rohstoffen auftrumpfen, zum Beispiel mit global wichtigen Metallen wie Kupfer. Zudem profitiert Lateinamerika von den Anstrengungen der USA, sich weniger von China abhängig zu machen und die Fabrikation von Industriegütern und Lieferkomponenten weg von Asien hin zu näher gelegenen Staaten zu verlegen, was als Re-Shoring und Friend-Shoring bezeichnet wird. Davon können unter anderem Mexiko oder Brasilien profitieren.

Daher ergeben sich nicht nur Chancen, sondern auch Risiken durch die Veränderungen der Schwellenländer. Hier muss besonders auf die stärker gewordene Konzentration der Technologiebranche innerhalb der Aktienmärkte der Schwellenländer, vor allem in Korea und Taiwan, hingewiesen werden. Im MSCI-Aktienindex der Schwellenländer hat Technologie nun eine Gewichtung von rund 40 %, ähnlich stark wie im US-Aktienindex S&P 500.

Gérard Piasko

Gérard Piasko

Gérard Piasko ist Chefökonom und Mitglied des Anlageausschusses. 

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Redaktionsschluss: 18. August 2026

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