Schöne neue digitale Kunstwelt?

Schöne neue digitale Kunstwelt?

Kunstmarktteilnehmer verschiedener Prägung – Händler, Galeristen, Auktionshäuser, Messen, Künstler und Sammler – waren bis vor Kurzem erstaunlicherweise alles andere als technologieaffin. Noch Anfang 2020 fanden ausschliesslich digitale und reine Online-Konzepte wie Online-Auktionen, digitale Verkaufsplattformen oder Augmented-Reality-Ausstellungen bei Kunstinteressenten nur sehr wenig Anklang. Zu bedeutsam bleibt bis heute die «Aura» des Originals und die unmittelbare physische Wahrnehmung eines Kunstwerks. Ganz zu schweigen von den sozialen und kommunikativen Aspekten vieler kunstbezogener Veranstaltungen, die durch das blosse Online-Erlebnis nur unzureichend befriedigt werden. Auch wenn die physische Wahrnehmung von Kunstwerken weiterhin bedeutungsvoll bleibt, ist aufgrund der Corona-Pandemie ein gewaltiger Technologieschub in Gang gesetzt worden, der den Kunstmarkt nachhaltig verändern wird.  

Annus horribilis 2020 hat den Kunstmarkt komplett auf den Kopf gestellt: Die Art Basel Hongkong, ursprünglich im März 2020 geplant, war die erste grosse Kunstmesse, die als physische Veranstaltung abgesagt wurde. Stattdessen installierten die Organisatoren die Art Basel Online Viewing Rooms («Art Basel OVRs»). Die European Fine Art Fair (TEFAF) sollte bald mit ihrer eigenen Online-Plattform folgen. Nach der Covid-19-Pandemie werden Kunstmessen wohl kaum wieder zur «alten Normalität» zurückkehren: Online-Formate werden bestehen bleiben, und Hybrid-Modelle werden entstehen, die einen neuen Typus von Messeerlebnis vermitteln. 

Noch viel schneller haben die internationalen Auktionshäuser das «New Normal» adaptiert und überbieten sich gegenseitig mit neuen Auktionsformaten. Viele laufen gut, und auch hier scheint die Voraussage auf der Hand zu liegen: Auktionen werden nicht mehr ausschliesslich auf das über Jahrhunderte gebräuchliche klassische Bieten im Saal zurückkommen. 

Traditionell oder originell?
Neben den Auktionshäusern haben auch die grössten Kunsthandelsbetriebe und internationalen Galerien bereits vor Corona eigene digitale Abteilungen geschaffen. Für klassische Programmgalerien hingegen dürfte es künftig schwieriger werden längerfristig zu überleben: Die traditionelle Solo-Ausstellung eines Künstlers, den die Galerie über Jahre aufgebaut hat, wird vermutlich immer mehr an Bedeutung verlieren. Auch die Programmgalerie wird kaum darum herumkommen, sich neuen digitalen Formaten zu öffnen. 

Künstler wiederum überlegen sich mehr denn je, ob sie sich in Zukunft überhaupt in «klassischer Manier» exklusiv an eine Galerie binden möchten, oder ob sie nicht von Fall zu Fall frei entscheiden wollen, mit wem und in welchem Modus sie eine Zusammenarbeit anstreben. Oder sollen sie ihre Werke direkt auf den sozialen Medien wie Instagram anbieten?

(Solo-Ausstellung: klassisches Kunstvermittlungsprojekt mit einem zentralen (physischen) Vernissage-Event und einer persönlichen Ansprache der Sammler)

Die traditionelle Solo-Ausstellung eines Künstlers in der klassischen Programmgalerie wird immer mehr an Bedeutung verlieren.

Kunst als Anlageklasse?
Und die Sammler? Auch hier scheint sich ein Trend abzuzeichnen, insbesondere wenn es sich um die jüngere oder technologieaffine Sammlerschaft handelt. Während der Archetyp des klassischen Kunstsammlers − leidenschaftlich und kenntnisreich, dem möglichst raren Objekt seiner Begierde nachjagend − immer seltener zu finden ist, sind Sammler heutiger Prägung mehr und mehr auch Investoren. Weniger geht es ihnen darum, sich täglich an der Ansicht eines Kunstwerks zu erfreuen. Vielmehr sehen sie Kunst als Anlageklasse zur Diversifikation ihres Portfolios, weshalb auch bereits ein fraktionierter Kunstbesitz möglich ist, so zum Beispiel wenn ein hochpreisiges Werk von Picasso von dutzenden, wenn nicht hunderten von Eigentümern gehalten werden kann (sog. «Tokenisation»). 

Die Digitalisierung hat durch die Pandemie in vielen Bereichen einen neuen Auftrieb bekommen und wird zu einer Erweiterung klassischer Kunsthandelsformen mit innovativen neuen Modellen führen. Einer der sinnvollsten Einsätze digitaler Tools liegt darin, Kunsttransaktionen in Zukunft unbeschwert und viel risikoloser abwickeln zu können. Die letzten Jahre haben eindrücklich gezeigt, dass die lückenlose Provenienz eines Werkes auf Verkäuferseite und eine Überprüfung des Geldflusses seitens des Käufers für einen Kunstkauf immer wichtiger werden. Innovative Lösungen sind daher gefragt; die Digitalisierung öffnet die notwendigen Tore dazu.

Die heutige Sammlerschaft versteht Kunst mehr und mehr auch als Anlageklasse zur Diversifikation ihres Portfolios.

Weit fortgeschrittene Entwicklung der Digitalisierung
Die neuesten Technologien ermöglichen das Einlesen (auch bereits) eines dreidimensionalen Kunstwerkes per Smartphone, um dessen digitalen Fingerabdruck festzuhalten. Damit kann beispielsweise ein genauer Zustandsbericht des Kunstwerks innert Minuten erfasst werden. Wird das Kunstwerk in eine Ausstellung nach Übersee verschifft, kann der Konservator am Entleih-Ort dieses wiederum in Sekunden auf seinem Smartphone «auslesen» und sieht so, ob es sich um das (verschiffte) Original handelt, und ob allenfalls beim Transport Veränderungen im Zustand eingetreten sind. Fälschungen können somit einfach erkannt und Schadensfälle problemlos beurteilt werden. 

Ebenfalls bald zur Marktreife entwickelte digitale Anwendungen werden es dem Kunsthändler erlauben, die Identität eines Käufers innert Minuten zu überprüfen. Ein einfacher Scan des Ausweises des Käufers mit dem Smartphone – und digital läuft im Hintergrund die Prüfung ab, ob die Transaktion ohne Geldwäschereirisiko abgewickelt werden kann. Die aufwändige Due Diligence im Hintergrund wird durch ein seriöses Wirtschaftsprüfungsunternehmen im Auftrag des Händlers ausgeführt. Durch diese Neuerung wird also ein Verkaufsgeschäft auch im Kunsthandel massgebend an Risiko verlieren, was dessen Ruf bestimmt zu Gute kommen wird.

Transparenz dank der Blockchain
In naher Zukunft wird es mittels der neuen digitalen Hilfsmittel möglich sein, eine Transaktion rechts- und fälschungssicher zu gestalten und den ganzen Verkaufsvorgang schliesslich in der Blockchain unveränderbar abzulegen. Die lang ersehnte Transparenz unter allen seriösen Teilnehmern im Kunstmarkt kann so erreicht werden, ohne die Anonymität der Beteiligten offenzulegen. Dies, so meine Prognose, ist in der Tat geeignet, den Kunstmarkt zu revolutionieren.

Dr. Andreas Ritter

Dr. Andreas Ritter

Dr. Andreas Ritter ist Anwalt für Kunstrecht in Zürich, Geschäftsführer des Verbandes Kunstmarkt Schweiz, dem Dachverband der vier grossen Kunsthandelsverbände, und Gründer der Stiftung Kunstforum Zürich, die im Februar 2017 ins Leben gerufen wurde. Die unabhängige Stiftung vermittelt Wissen und Inspiration, ermöglicht Begegnungen und soll zur Diskussion anregen. Seit 2019 unterstützt Maerki Baumann mit einem Förderbeitrag das Kunstforum Zürich.

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