Page 5 - Maerki Baumann & Co. AG | Journal 02-2021
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 Interview
«Schlicht grossartig»
Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel und Tonhalle-Vizepräsident Hans G. Syz-Witmer über die Wiederbelebung des Zürcher Konzerthauses.
Frau Schmiel, Herr Syz, die Tonhalle Zürich er- strahlt in neuem Glanz. Welche Musik begleitete Sie durch die Eröffnungs- phase?
Ilona Schmiel: Beruflich beschäftigte ich mich mit Mahlers 3. Symphonie, die wir am Eröffnungskonzert aufführten. Ein phänomenales Werk. Privat höre ich nicht ständig Musik, ich brauche auch mal Stille.
Hans G. Syz-Witmer: Auch ich habe mich mit Mahlers
3. Symphonie befasst. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, die Konzerte, die ich in der Tonhalle besuche, hin und wieder vorgängig bewusst anzuhören und auf der Partitur zu verfolgen. Das ist spannend wie ein Krimi.
Worin besteht für Sie der Reiz der neuen Tonhalle Zürich?
Schmiel: Im Saal sind es
die Farbigkeit, die Wärme des Raumes und die Liebe zum Detail, mit der renoviert worden ist. Und natürlich die hervorragende Akustik.
Syz: Dass es trotz intensiver Auseinandersetzungen und grosser Herausforderungen möglich war, den Saal zu gros- sen Teilen in den Ursprung zurückzuversetzen und mit ei- ner neuen Orgel zu bestücken,
die höchste Anforderungen erfüllt, ist schlicht grossartig.
Welches war die grösste Herausforderung bei der Renovation?
Schmiel: Corona hat die Digi- talisierung auch bei uns be- schleunigt und gezeigt, dass sich unsere Interessen nicht immer mit den Gegebenheiten eines Saals von 1895 decken. Dies zusammenzubringen war die grosse Kunst.
Die Tonhalle Zürich überträgt Konzerte vermehrt per Live- stream. Wie wichtig ist das? Syz: Das digitale Konzerthaus ist Realität. Wir müssen die Konzerte heute auf allen Ka- nälen anbieten. Ich habe mir vorgenommen, mich mit allem, was in meiner Macht steht,
für den Einbau von Kameras einzusetzen, um Livestreams zu fördern.
Was unternehmen Sie, um ein jüngeres Publikum ins Stammhaus zu locken? Schmiel: Wir haben ein riesiges Musikvermittlungs- programm für Menschen von 4 bis 99 Jahren. Mein Ziel ist es, dass alle 240’000 Schülerin- nen und Schüler des Kantons Zürich mindestens einmal zu uns in die Tonhalle kommen. Syz: Es wird die grosse Kunst sein, die Schwellenangst
abzubauen. Die neue Tonhalle soll für alle da sein, nicht nur für Krawattenträger.
Warum haben Sie die Pausen abgeschafft?
Syz: Es ist wie im Kino: Eine Pause unterbricht den Fluss der Vorstellung. Indem wir auf Pausen verzichten, können wir die Konzentration hochhalten. Früher sind noch vor dem Schlussapplaus viele raus- gerannt, um rechtzeitig nach Hause zu kommen. Das war schade und sicher nicht im Sinne der Musiker.
Schmiel: Wir haben während der Pandemie gute Erfahrun- gen mit Konzerten ohne Pause gemacht. Anstatt Pause gibt es neu vor und nach den Kon- zerten Möglichkeiten für Aus- tausch und Nähe. So kann das Publikum nach dem Konzert die Musikerinnen und Musiker ungezwungen im Foyer treffen.
Ilona Schmiel
ist seit 2014 Inten- dantin der Tonhalle- Gesellschaft Zürich
Hans G. Syz-Witmer
ist Präsident des Verwaltungsrates von Maerki Baumann & Co. AG sowie Vize- präsident und Quästor der Tonhalle- Gesellschaft Zürich
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