Wirtschaftsdivergenzen

Anlagepolitik, Oktober 2018

Wirtschaftsdivergenzen

Die internationalen Finanzmärkte, insbesondere die Aktien- und Währungsmärkte, werden in den nächsten Wochen wie bereits seit Monaten besonders von den unberechenbaren nächsten Handlungen von US-Präsident Trump abhängen. Eine weitere Verschärfung des Handelskonfliktes mit China dürfte die Outperformance von US-Aktien verstärken, während eine Entspannung bzw. Kompromisslösung den Schwellenländern ein Comeback ermöglichen könnte.

Das Weltwirtschaftswachstum ist nicht schwach, aber zunehmend divergierend, daher schwieriger zu prognostizieren. Der bis zum Sommer beobachtbare relative synchrone Wachstumsverlauf ist erstens von volatileren Wirtschaftsdaten und zweitens zunehmenden Divergenzen abgelöst worden.
Grund ist der seit dem Sommer von US-Präsident Trump stetig aufgebaute Druck gegenüber Handelspartnern bzw. Exportländern, in erster Linie gegen China, d. h. indirekt auch dessen Zulieferer in anderen Schwellenländern, und in zweiter Linie gegen Deutschland und die Eurozone. Der amerikanische Präsident ist noch mehr als vorher das Hauptthema der Finanzmärkte geworden. Seit der Eskalation des Handelskonflikts mit der Verfünffachung des Strafzollvolumens gegen China haben US-Aktien (die wir seit einiger Zeit übergewichtet haben) sowohl Schwellenländer- als auch EU-Aktien deutlich geschlagen.
Auch die Wirtschaftsdaten zeigen die gleichen Unterschiede: Volatileres Wachstum in Europa und den Schwellenländern, aber immer noch robustes Wachstum in den USA, das weiter von Trumps Steuersenkungen und der sinkenden Arbeitslosigkeit profitiert. Zwar deuten gewisse Eurozone-Daten auf eine gewisse Stabilisierung, aber Brasilien, Taiwan, Frankreich, partiell Deutschland und Italien zeigen eine abnehmende Konjunkturdynamik.

Aktien
Die Aktienmärkte setzten ihre Divergenz in den letzten Wochen fort: Amerikanische Aktien, die wir übergewichtet haben, werden gegenüber anderen Regionen stärker. Die USA dürften solange weiter besonders gut laufen, solange das Wirtschaftswachstum das Gewinnwachstum unterstützt und die Zinserhöhungen nicht die Finanzierungskosten zu sehr verteuern. In der Eurozone hilft der wieder teurere Euro derzeit dem Export- und Konjunkturwachstum nicht. Die Wirtschaftsdaten sind nicht sehr stark und zeigen zunehmende Unterschiede zwischen den Ländern.
Die Gewinnschätzungen wurden in der Eurozone im September wieder reduziert, während sie sich in den USA seit Monaten erhöhen. Die Schwellenländer sind wirtschaftlich vom Handelskonflikt her verwundbar, insgesamt aber nicht schwach, auch wenn sich auch inzwischen mehr länderspezifische Differenzen zeigen.
Donald Trumps überraschende Verfünffachung des Strafzollvolumens gegen China (von 50 Mia. auf 250 Mia. US-Dollar) hat über die Währungen die Schwellenländeraktien nach unten gedrückt. Ihre Bewertung ist langfristig interessant, doch kann jeder neue Trump Tweet sie beeinflussen, genauso wie die Schwellenländeranleihen, welche wir in einem früheren Anlageentscheid reduziert haben. China könnte die bereits begonnene monetäre Lockerung aber verstärken und die Konjunktur durch weitere Massnahmen stimulieren, sollte die Handelssanktionen Trumps verschärft werden oder Verhandlungen scheitern.

Obligationen
EZB-Präsident Draghi betonte an der Pressekonferenz der EZB wie schon früher, dass die Zinsen bis zum Sommer 2019 unverändert bleiben würden bzw. «solange wie nötig». Die EZB-Inflationsprognose für die Eurozone wurde unverändert bei 1.7 % für 2018 und 2019 belassen, die Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandprodukt der Eurozone 2018 und 2019 um 0,1 % leicht reduziert.
Wir gehen davon aus, dass sich der graduelle Anstieg der Inflation sowohl in Europa wie in den USA fortsetzen kann, solange der Ölpreis nicht massiv korrigiert und/oder sich das Wirtschaftswachstum massiv abschwächt.
Dies bedeutet, dass Staatsanleihen und Investment Grade-Obligationen in CHF oder EUR wohl weiter aufgrund der nahe Null liegenden Renditen gefährlich sind und nominell (erst recht inflationsbereinigt) mittelfristig negative Erträge bringen dürften. Engagements aufgeteilt auf inflationsgeschützte Anleihen, auf durationsneutrale Fonds, die in der Allokation flexibel und spezialisiert sind, sowie auf Corporate Hybrid Unternehmensanleihen können mittelfristig attraktivere Renditen erwirtschaften, der Preis dafür ist eine kurzfristig höhere Volatilität. Unser Anlagekomitee diskutierte diese Obligationeninvestments erneut und hielt an deren Einsatz fest.

Es wäre keine Überraschung, wenn der Marktkonsens noch mehr US-Zinserhöhungen einpreisen müsste, sofern nicht die US-Wirtschaft schwächer wird.

Gérard Piasko, Chief Investment Officer

Währungen
Aufgrund der momentanen Stärke der US-Wirtschaft ist mit weiteren Zinserhöhungen durch die US-Notenbank zu rechnen. Der Marktkonsens jedoch ist in seinen Erwartungen betreffend Zinserhöhungen skeptischer als die US-Zentralbank selbst.
Daher wäre es keine Überraschung, wenn der Marktkonsens noch mehr US-Zinserhöhungen einpreisen müsste, sofern nicht die US-Wirtschaft klar schwächer wird. Dies könnte dann den US-Dollar wieder stärken. Die jüngst gesehene Konsolidierung der diesjährigen Dollar-Avancen wäre in diesem Fall nur temporär. Die von uns Ende August erhöhte US-Dollar-Gewichtung wirkt möglichem weiteren Gegenwird der Märkte gegenüber Schwellenländern oder Gold entgegen.
Bei einem Rückfall des EUR/USD unter 1.15 in Richtung Jahrestiefst wäre auch mit neuerlicher Schwäche in EUR/CHF zu rechnen. Erst um EUR/CHF 1.10 ist es wahrscheinlicher, dass die Schweizerische Nationalbank den EUR wieder aktiver über Devisentransaktionen zu stützen versucht.

Rohstoffe
Die IEA (Internationale Energie-Agentur der OECD) warnt in ihrem neuen Bericht vor Brent-Ölpreisen über 80 US-Dollar. Im bisherigen Jahresverlauf hat der Öl-Aufwärtstrend bei 80 US-Dollar bekanntlich eine Widerstandszone gefunden. Die IEA meint nun aber, wenn die Angebotsausfälle von Iran und Venezuela nicht von anderen Ölproduzenten aufgefangen würden, könnten die Ölpreise über 80 US-Dollar hinaus ansteigen. Die iranischen Ölexporte fallen bereits seit Monaten, obwohl die US-Sanktionen gegen den Iran noch gar nicht begonnen haben und könnten daher noch mehr zurückgehen. In Venezuela verschärft sich die Wirtschaftskrise und die Ölproduktion fällt immer mehr, während das Land zunehmend im Chaos versinkt. Es ist fraglich, ob die bisher geringen Produktionserhöhungen von Saudiarabien, Russland und den USA dies kompensieren können.

Gérard Piasko

Gérard Piasko

Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann & Co. AG. Zuvor war er über viele Jahre CIO bei Julius Baer, bei Sal. Oppenheim und bei der Deutschen Bank.

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Diese Publikation ist nicht auf die Herbeiführung eines Vertragsschlusses gerichtet, sondern enthält lediglich Markt- und Anlagekommentare von Maerki Baumann & Co. AG sowie eine Einschätzung zu ausgewählten Finanzinstrumenten. Somit stellt diese Publikation weder eine Anlageberatung noch ein Angebot für den Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Maerki Baumann & Co. AG erbringt keine Rechts- oder Steuerberatung. Im Weiteren übernimmt Maerki Baumann & Co. AG keinerlei Haftung für den Inhalt dieses Dokuments und haftet insbesondere nicht für Verluste oder Schäden irgendwelcher Art, einschliesslich direkte, indirekte oder Folgeschäden, die aufgrund von in diesem Dokument enthaltenen Informationen und/oder infolge der den Finanzmärkten inhärenten Risiken entstehen.

Redaktionsschluss: 24. September 2018

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