Brexit – eine weitere politische Unsicherheit

Anlagepolitik, Dezember 2018

Brexit – eine weitere politische Unsicherheit

Die internationalen Finanzmärkte möchten eigentlich in den traditionell positiven Jahresend-Finish treten. Doch die wieder ansteigenden politischen Unsicherheiten, diesmal begründet durch den für viele in Grossbritannien kaum zu akzeptierenden «Theresa-May-Deal» mit der EU um den Brexit, der das Verbleiben Grossbritanniens in der Zollunion vorsieht, bremst die Jahresendrally. Entscheidend dürfte die Abstimmung im britischen Parlament über den Deal werden. Viele Mitglieder der regierenden konservativen Partei finden, der Deal entspricht nicht dem Volkswillen. Auch ein Rücktritt von Theresa May, die gegen den Brexit war, oder Neuwahlen sind denkbar, was die politische Unsicherheit weiter erhöht.

Die Tendenzen in der Weltwirtschaft haben im November wiederum aufgezeigt, dass die USA und die Schwellenländer stärker im Wachstum sind als Europa. Das Wirtschaftswachstum der Eurozone ist im 3. Quartal im Vergleich zum Vorquartal auf nur noch +0.2 % gefallen, Ende Dezember 2017 lag es noch bei weit stärkeren +0.7 %. Für das BIP-Wachstum zum Vorjahr bedeutet dies ein Rückgang von 2.7 % auf 1.7 %. Die USA wachsen mit rund 3 % fast doppelt so stark gegenüber dem Vorjahr und China, trotz den jüngst weniger dynamischen Vorlaufindikatoren, immer noch mit rund 6 %, also auch weit stärker. In letzter Zeit sind in Europa besonders die Konsum- und Industriedaten unter den Erwartungen ausgefallen. Ob Spezialfaktoren wie der neue Autoemissionsprüfstandard dafür hauptverantwortlich sind, wird sich erst in 2-3 Monaten zeigen. Zwar lastet dieser Spezialfaktor auf der Autoproduktion und den Neuwagenverkäufen, was besonders deutsche Konjunkturdaten unter Druck bringt. Wir glauben aber, dass politische Unsicherheiten wie die Brexit-Problematik und die Konfrontation zwischen der EU und Italien um das italienische Budgetdefizit ebenso für das unterdurchschnittliche Wachstum von Europas Wirtschaft verantwortlich sind. Wir gehen daher zum Jahresbeginn 2019 weiter von einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung für Europa, verglichen mit den USA und den Schwellenländern, aus. China könnte von einer weiteren Eskalation von Trumps Handelskrieg getroffen werden, hat aber bereits Massnahmen zur Konjunkturstimulierung eingeleitet. Beispielsweise sind weitere Zinssenkungen Chinas zu erwarten, ebenso wahrscheinlich Steuersenkungen und eine Förderung bestimmter Infrastrukturprojekte.

Alles in allem bleibt die politische Volatilität die derzeit einzige Konstante im anlagepolitischen Umfeld.

Gérard Piasko, Chief Investment Officer

Aktien
In den US-Aktienmärkten sind jüngst Gewinnmitnahmen in einigen bekannten Namen im Nasdaq erfolgt (z. B. Apple, Facebook und Nvidia) – vor dem Hintergrund einer jahrelangen überdurchschnittlichen Performance vielleicht nicht wirklich eine Überraschung vor dem Jahresende. Dennoch ist das strukturell bzw. langfristige Wachstum in anderen Sektoren kaum höher einzustufen als im Technologiesektor. Substanz- oder «Value»-Aktien brauchen wohl entweder wieder bessere Margen (Finanzsektor) oder höhere Rohstoffpreise (Energie- und Basisrohstoff-Aktien). Sollte die globale Konjunkturentwicklung von den USA her im 1. und 2. Quartal nachlassen, könnte es zu einem Comeback von defensiven Sektoren kommen. Die Unternehmensresultate des 3. Quartals haben in den USA ein besseres Bild gezeigt als in Europa. Während rund 80 % der US-Firmen die Gewinnerwartungen schlagen konnten, waren es nur etwa 50 % in Europa. Auch das Gewinnwachstum zeigt mit 26 % in den USA fast dreimal so viel Wachstum wie in Europa, wo es etwa 9 % aufweist.

Obligationen
Die Anleihenmärkte werden von zwei Faktoren bestimmt. Zum einen haben steigende politische Unsicherheiten wie Italiens Budgetstreit mit der EU oder die Brexit-Problematik europäische und partiell auch globale Kredit-Spreads (Renditedifferenzen) ausgeweitet. In der letzten Phase von weniger Risiko-Appetit der Marktakteure sind die Preise von Unternehmensanleihen mehr zurückgekommen als jene von Staatsanleihen (mit Ausnahme Italiens). Dies wiederum hat die Renditen von Unternehmensanleihen, verglichen mit denen von Staatsanleihen, erhöht was man als Ausweitung des sogenannten Kredit-Spreads bezeichnet. Sollte sich die globale Konjunktur abschwächen, könnte sich dies fortsetzen. Was aber auch wichtig wird, ist die Inflationserwartung der Anleger. Die jüngste Korrektur im Ölpreis dürfte diese reduzieren, sollte sie nachhaltig sein. Dennoch wird die US-Zentralbank angesichts steigender Lohninflation ihren Zinserhöhungskurs fortsetzen. Insgesamt erhöht sich nun auch die Unsicherheit in den Anleihenmärkten.

Währungen
Nicht nur die politischen Probleme Europas um Brexit bzw. die Modalitäten des EU-Austritts Grossbritanniens und das italienische Budgetdefizit lasten weiterhin auf dem Euro. Auch die europäischen Wirtschaftsdaten können den Euro derzeit nicht unterstützen. Nach der Schwäche der deutschen ist nun auch die italienische und französische Industrieproduktion durch schwächeres Wachstum aufgefallen. Es würde uns nicht überraschen, wenn der Euro zum US-Dollar und zum Schweizer Franken einen weiteren Rückgang von rund 2-3 % zeigen würde – ausser die US-Konjunktur wird markant weniger expansiv, was die US-Zinserwartungen (nach unten) ändern würde. Dies könnte aber eher im späteren Jahresverlauf von 2019 ein Markthema werden.

Rohstoffe
Eine erhöhte politische Volatilität im Nahen Osten und weniger gute Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den USA erschweren momentan die Prognostizierbarkeit des Ölpreises. Daher erhöht sich dessen Volatilität auf beide Seiten, jüngst nach unten auch aufgrund deutlich erhöhter US-Ölproduktion. Im Verhältnis zu anderen, mehr von der Stärke des Weltwirtschaftswachstums abhängigen, Rohstoffen, hat Gold in den letzten Wochen wieder aufgeholt. Ein Durchbruch über den technischen Widerstand von 1250-1270 könnte die Nachfrage nach Gold weiter verstärken. Für die nächsten Wochen und Monate gilt unsere besondere Aufmerksamkeit neben der politischen Lage besonders der Inflationsentwicklung. Aufgrund der bisherigen Aufwärtsentwicklung der Inflation sind wirklich alle Segmente der Obligationen 2018 unter Druck gekommen. Sollte der jüngste Rückgang des Ölpreises anhalten und sich die Lohninflation in den USA zurückbilden, könnte die über viele Jahre gesehene Korrelation zwischen Aktien und Anleihenrenditen zurückkehren. Alles in allem bleibt die politische Volatilität die derzeit einzige Konstante im anlagepolitischen Umfeld. Aufgrund der daher zu erwartenden weiter hohen Volatilität der Finanzmärkte ist eine Diversifikation über verschiedene Module besonders wichtig.

Gérard Piasko

Gérard Piasko

Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann & Co. AG. Zuvor war er über viele Jahre CIO bei Julius Baer, bei Sal. Oppenheim und bei der Deutschen Bank.

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Die hervorgehobenen Akzentmodule erlauben es Ihnen, die erwähnten Themen in Ihrem Portfolio abzubilden:

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Obligationen USD  
Obligationen Schwellenländer  

Wichtige rechtliche Hinweise:

Diese Publikation ist nicht auf die Herbeiführung eines Vertragsschlusses gerichtet, sondern enthält lediglich Markt- und Anlagekommentare von Maerki Baumann & Co. AG sowie eine Einschätzung zu ausgewählten Finanzinstrumenten. Somit stellt diese Publikation weder eine Anlageberatung noch ein Angebot für den Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten dar. Maerki Baumann & Co. AG erbringt keine Rechts- oder Steuerberatung. Im Weiteren übernimmt Maerki Baumann & Co. AG keinerlei Haftung für den Inhalt dieses Dokuments und haftet insbesondere nicht für Verluste oder Schäden irgendwelcher Art, einschliesslich direkte, indirekte oder Folgeschäden, die aufgrund von in diesem Dokument enthaltenen Informationen und/oder infolge der den Finanzmärkten inhärenten Risiken entstehen.

Redaktionsschluss: 29. November 2018

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